Heute feiern wir den internationalen Tag der Mädchen und Frauen in der Wissenschaft. Wir feiern die Erfolge von Frauen in Bildung, Studium, Forschung und Lehre, doch wir prangern auch an. Denn noch immer ist die Lage für Frauen in der Wissenschaft prekär. Sie haben weniger häufig hohe akademische Abschlüsse, besetzen weniger gut dotierte Professuren und Lehraufträge und leiden an schlechten Studien- und Arbeitsbedingungen an den Universitäten.
Während Mädchen mit 55% statistisch häufiger als ihre männlichen und nicht binären Altersgenoss*innen eine Allgemeine Hochschulreife erreichen, geht der Anteil an Frauen in der Wissenschaft mit gesteigerter Höhe des Abschlusses immer stärker zurück. Während in Bachelor und Master noch rund 53,1% der Absolvent*innen weiblich sind, sinkt die Zahl der Absolventinnen in Promotionen auf 46,2% und in den Habilitationen auf 36,3% (Vgl. destatis 04/2025; 12/2025). Grund hierfür ist noch immer strukturelle Benachteiligung, die Frauen in der Wissenschaft und im Studium vor Hürden stellt und die ihnen den Einstieg in eine wissenschaftliche Laufbahn erschwert.
Besonders im Bereich der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik sind Frauen massiv unterrepräsentiert, im Schnitt sind hier nur 36% der Studienanfänger*innen weiblich (Vgl. destatis 01/24). Dies wirkt sich nicht nur auf die Fachkultur aus, sondern auch direkt auf die Lehre und somit die Qualität ganzer Studiengänge. Mangelt es an weiblichem Forschungs- und Lehrpersonal, so mangelt es auch an weiblichen Perspektiven in Forschungsfragen und Curricula. Besonders eindrücklich wird dies beispielsweise im Bereich der Medizin oder dem Ingenieurwesen. Man stelle sich vor Schwangerschaftsabbrüche würden nicht gelehrt, Fahrzeugtechnikstudent*innen arbeiteten nur mit an sogenannten männlichen Normgrößen ausgerichteten Testdummies oder es würde nicht zu geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Ausprägung verschiedener Erkrankungen, wie z.B. der Autismus-Spektrum-Störungen, geforscht werden. Doch genau dies ist vielerorts Alltag. Es fehlen Perspektiven, Ressourcen, Forschungs- und Lehraufträge und genau diese wichtigen Lerninhalte und Forschungsthemen kommen zu kurz oder gar nicht erst vor.
Im Rahmen aktueller Hochschulkürzungen sind besonders die Gleichstellungsarbeit und marginalisierte Forschungsbereiche wie Gender Studies betroffen. Auch dies hat konkrete Konsequenzen für Forschung und Lehre: Seminarangebote zu frauen- und genderpolitischen Fragen fallen weg, Fachbibliotheken müssen Öffnungszeiten anpassen oder schließen, Lehrpreise und Preise für herausragendes Engagement im Bereich der Gleichstellung verlieren ihre finanzielle Grundlage, Coachings und Stipendien für Frauen in der Wissenschaft sind bedroht.
Neben Fragen der Anerkennung der Leistungen von Frauen in Forschung und Lehre, sowie der Förderung der Gleichstellungsarbeit bleiben auch Fragen zu den institutionellen Bedingungen der akademischen Arbeit und des Studiums weitgehend unzureichend beantwortet.
Beim Thema Vereinbarkeit beispielsweise erschöpft sich das Engagement vieler Hochschulen in der heteronormativen Kleinfamilie. So finden Pflegeverpflichtungen, insbesondere bei Studierenden, kaum Unterstützungs- und Beratungsangebote an den Universitäten. Sie bringen vielerorts Nachteilsausgleichsstellen mit ihrer bloßen Existenz und dem Wunsch nach Anerkennung ihrer Lage in Überforderung und Studierende mit Behinderung und Care-Verpflichtungen für Kinder oder Angehörige finden keinen geeigneten Wohnraum in den Wohnheimen. All dies sind nur beispielhafte Fälle, die in ihrer Vielfalt aber die systemischen Lücken universitärer Vereinbarkeitspolitik aufdecken. Da statistisch vor Allem Frauen Care-Arbeit für Familienangehörige oder Kinder leisten (Vgl. destatis 03/2024) sind sie auch hier besonders benachteiligt.
Schaut man auf die personelle Ausgestaltung vieler Stellen in Forschung und Lehre, so sind nicht nur Frauen generell, sondern besonders Wissenschaftlerinnen of Colour, mit Migrationsbiografie, aus Arbeiter*Innenfamilien oder aus anderen marginalisierten Gruppen wie Sinti*zze und Rom*nja, sowie schwarze, jüdische, muslimische und behinderte Wissenschaflterinnen unterrepräsentiert (Vgl. Şahin 2020). Auch hier muss durch die Hochschulen unter Beteiligung Studierender und Lehrender dringend ausgearbeitet werden, wie Stellen für diese Wissenschaftlerinnen attraktiver gemacht werden können um Diversität nicht nur in den Curricula, sondern auch im Lehrkörper wiederzuspiegeln.
Besonders die am besten dotierten Professuren, die C4-/W3-Professuren, sind mit einem Frauenanteil von 20%, in dem mehrheitlich weiße Frauen zu finden sind, dramatisch männlich und weiß dominiert (Vgl. destatis 12/2025).
Für die Besetzung solcher Stellen ist auch die Qualität und Quantität der Publikationen der einzelnen Wissenschaftlerinnen von höchster Relevanz. Dass auch die Publikationsstärke ein Indikator mit inherentem Gender-Bias ist geht hierbei jedoch schnell unter. Durch eine massive Gender-Publishing-Gap (Vgl. Laluna et al. 2023) bedingt wird auch im akademischen Rahmen die Chance auf einen Karriereaufstieg für Frauen verschlechtert und eine wissenschaftliche Gender-Pay-Gap aufrecht erhalten.
Doch auch am Campus selbst kommt es immer wieder zu Übergriffen. Von antifeministischen Schmierereien über unwidersprochene sexistische Kommentare in Lehrveranstaltungen, bis hin zu sexuelle Belästigung und Kameraaufnahmen auf Hochschultoiletten (Vgl. fzs 2025): Der Alltag für Studentinnen ist vielerorts von sexistischen Übergriffen geprägt und behindert sie massiv darin ihr Studium gleichberechtigt und diskriminierungsfrei absolvieren zu können.
Deshalb fordert der freie zusammenschluss der student*innenschaften heute und alle Tage für Frauen und Mädchen in der Wissenschaft:
- Gleichen Zugang zu Stellen, Preisen, Stipendien und verbesserte Informationswege über geschlechtsspezifische Förderungen oder solche mit Gleichstellungsbezug
- Ausbau von Programmen zur Mädchenförderung um wissenschaftlichen Nachwuchs zu motivieren
- Ausbau von Programmen, Coachings und Stipendien für Studentinnen und Nachwuchswissenschaftlerinnen
- Evaluierung und Anpassung der Curricula in allen Fachbereichen in Hinblick auf Frauen- und Genderforschung im Fachgebiet, sowie intersektionale Fachaspekte
- Verstärkte Unterstützung und Förderung von Wissenschaftlerinnen bei Veröffentlichungen, Beiträgen für Fachtagungen und Symposien und dem Ausbau weiblicher Wissenschaftsnetzwerke
- Bessere Vereinbarkeit für Studierende, Mittelbau und Lehrpersonal, auch über die Bedarfe der Kleinfamilie hinaus
- Besser fortgebildete und ausgestattete Beratungs- und Informationsstellen für alle Statusgruppen zu geschlechtsbasierter und sexistischer Diskriminierung an den Hochschulen
- Von Hochschulen organisierte und bezahlte qualifizierte Awarenessstrukturen auf allen universitären Veranstaltungen
- Keine Kürzungen bei der Gleichstellungsarbeit
Quellen:
Destatis (12/2025). Frauenanteile nach akademischer Laufbahn. Online abrufbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Hochschulen/Tabellen/frauenanteile-akademischelaufbahn.html .
Destatis (04/2025). Gender Education Gap: Hochschulreife erwerben zu 55% Frauen, den Ersten Schulabschluss zu 59% Männer. Online abrufbar unter: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/04/PD25_N014_212.html .
Destatis (03/2024). Gender Care Gap 2022: Frauen leisten 44,3% mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Online abrufbar unter: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/02/PD24_073_63991.html .
Destatis (01/2024). Mehr als ein Drittel der Studienanfängerinnen und -anfänger im MINT-Bereich sind Frauen. Online abrufbar unter: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/01/PD24_N003_213.html .
fzs e.V. (2025) Gegen sexuelle Belästigung auf Campustoiletten. Online abrufbar unter: https://www.fzs.de/2025/03/14/gegen-sexuelle-belaestigung-auf-campustoiletten/ .
Laluna, F.; Pfaff, N.; Preusche, Z.; Schwittek, J.; Wagner, K. (2023) Gender-Publication-Gap als Thema in der universitären Gleichstellungsarbeit. Befunde, offene Fragen und Maßnahmen. In: Erziehungswissenschaft 34 (2023) 66, 49-59. Online abrufbar unter: https://www.pedocs.de/volltexte/2023/26900/pdf/ErzWiss_2023_66_Ialuna_et_al_Gender-Publication-Gap.pdf .
Şahin, Dr. Reyhan (2020). Yalla, Feminismus, 257 – 277. Tropen/ Klett-Cotta-Verlag: Stuttgart.
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