Ein praxisnaher Einstieg für ehrenamtliche Awareness-Arbeit – inspiriert von queerer, feministischer und linker Bewegungspraxis. Danke an alle, von denen wir lernen dürfen!
Warum Awareness?
Awareness-Arbeit hat ihre Wurzeln in der politischen Selbstorganisierung marginalisierter Gruppen – von feministischen Hausprojekten bis zu antirassistischen Kollektiven. Dort entstand die Überzeugung: Sicherheit ist kein Zustand, den Institutionen garantieren – sondern etwas, das wir gemeinsam herstellen.
Der fzs versteht sich als Teil dieser Bewegung für diskriminierungsärmere Räume. Awareness-Teams sorgen nicht für Ordnung, sondern für Schutz, Verbindlichkeit und Unterstützung. Sie stellen sich bewusst an die Seite derjenigen, die sonst oft allein gelassen werden.
Worum geht es?
Awareness bedeutet:
- Achtsamkeit für Machtverhältnisse, Diskriminierung und persönliche Grenzen
- Solidarität mit Betroffenen – nicht Neutralität
- Intervention, wenn Übergriffe passieren
- Vermeidung, durch sensible Strukturen im Vorfeld
Awareness-Teams bieten praktische Unterstützung an. Sie begleiten, vermitteln, halten Schutzräume offen und nehmen Diskriminierung ernst – auch dann, wenn sie nicht „beweisbar“ ist.
Grundprinzipien
Diese Prinzipien gelten als Standard in linken Awareness-Strukturen – und auch für euer Team:
Definitionsmacht: Die betroffene Person bestimmt, was grenzüberschreitend war – nicht wir.
Parteilichkeit : Wir stehen hinter der betroffenen Person. Wir relativieren nicht.
Freiwilligkeit: Betroffene entscheiden selbst, was sie brauchen. Wir handeln nur im Konsens.
Vertraulichkeit: Alles, was uns anvertraut wird, bleibt geschützt. Keine Weitergabe ohne Zustimmung.
Keine Täter*innenzentrierung: Es geht nicht um die Absicht der übergriffigen Person – sondern um die Wirkung.
Intersektionalität: Wir denken Machtverhältnisse zusammengedacht – z. B. Rassismus, Sexismus, Ableismus.
Kollektive Verantwortung: Awareness betrifft alle – nicht nur das Awareness-Team.
Vorbereitung: Was ihr vor Ort klären solltet
Gemeinsam mit Orga/Antidiskriminierungsbeauftragten:
- Wer ist wann im Dienst? (Schichtplan)
- Sind die Awareness-Materialien vor Ort? Ist Geld auf dem Awareness-Handy? (Nils fragen)
- Wo ist der Awareness-Anlaufpunkt?
- Gibt es einen Rückzugsraum? Ist er zugänglich?
- Wie ist das Team erreichbar?
- 📞 Awareness-Telefon: +49 157 54373131
- Wer ist notfalls ansprechbar (Orga / Erste Hilfe / Sicherheitsdienst)?
- Gibt es Vereinbarungen mit dem Plenum / dem Raum / dem Publikum?
- Wer macht eine Begehung, ob alles barrierearm ausgeschildert ist?
- Wer verteilt die Materialien im Awarenessraum und im Plenum?
- Sind wir in der Telegram-Gruppe?
- Wurde das Awareness-Konzept allen Teilis geschickt?
🔍 Vorbereitung ist kein bürokratischer Akt – sondern Schutzarbeit.
Euer Umgang in Situationen
1. Wenn euch jemand anspricht (z. B. wegen Diskriminierung, Übergriff, Unwohlsein) Was tun?
- Glauben. Nicht hinterfragen. Nicht relativieren.
- Einen ruhigen Ort suchen, zuhören, da sein.
- Fragen: „Was brauchst du gerade?“ / „Was wäre dir jetzt wichtig?“
- Nur handeln, wenn die Person es möchte.
- Wenn gewünscht: Gesprächsnotiz (kein Protokoll), evtl. Follow-up vereinbaren.
- Was nicht tun:
- Keine Schuldzuschreibungen.
- Keine Täter*innenansprache ohne Konsens.
- Kein erzwungenes Gespräch „mit beiden Seiten“.
2. Wenn ihr eine Situation beobachtet
- Erste Frage: Ist jemand akut gefährdet?
- Wenn ja: Raum schaffen. Position beziehen. Sichtbarkeit erhöhen.
- Wenn nein: unaufdringlich präsent sein – später ansprechbar machen.
- Nicht konfrontieren, bevor Betroffene gefragt wurden.
- Unterstützung anbieten: „Hey, ich bin vom Awareness-Team. Alles okay?“
3. Bei Eskalationen oder Übergriffen
- Schutz der betroffenen Person steht an erster Stelle.
- Möglichst nicht allein handeln – hol dir eine zweite Person.
- Ggf. Person aus Situation herausholen, in Rückzugsraum begleiten.
- Verhalten dokumentieren (nicht identifizierend).
- Orga kontaktieren, wenn Ausschluss notwendig ist.
- Keine Polizei verständigen ohne Rücksprache – viele Menschen sind polizeikritisch, aus gutem Grund (z. B. BIPoC, ohne Papiere, trans*).
Gesprächsführung: Wie sprecht ihr?
- „Ich glaube dir.“
- „Du musst nichts erzählen, was du nicht willst.“
- „Was brauchst du gerade von uns?“
- „Wir sind da. Du entscheidest, ob und wie es weitergeht.“
👉 Vermeidet Ratschläge wie: „Du solltest am besten…“
👉 Fragt nicht: „War das wirklich so schlimm?“ oder „Meinst du, es war Absicht?“
Häufige Awareness-Vorfälle & warum sie belastend sein können
Falsche oder ignorierte Pronomen:
Die Missachtung von Pronomen ist eine direkte Form der Identitätsverweigerung. Sie kann Gefühle von Unsichtbarkeit, Nicht-Anerkennung und tiefer Verletzung hervorrufen – besonders für trans*, nicht-binäre oder gender-nonkonforme Menschen.
Fragen zur Herkunft („Wo kommst du wirklich/ursprünglich her?“)
Diese Fragen suggerieren, dass eine Person nicht dazugehört – selbst, wenn sie hier geboren ist. Sie sind Ausdruck rassistischer Fremdzuschreibung und können Zugehörigkeit grundsätzlich in Frage stellen.
Sexistische oder sexualisierte „Witze“:
Solche Äußerungen verharmlosen Gewalt und stellen ein Klima her, in dem Übergriffe normalisiert werden. Für viele sind sie ein Trigger, weil sie eigene Erfahrungen von Gewalt oder Bedrohung wachrufen.
Ableistische Aussagen: („Man merkt gar nicht, dass du behindert bist“)
Diese Form von Gaslighting stellt die Selbstauskunft von Menschen mit Behinderung infrage, ignoriert Unsichtbarkeiten und fordert oft Rechtfertigung. Sie entwertet Erfahrungen und macht Unterstützung schwerer zugänglich.
Männlich dominiertes Redeverhalten / Mansplaining:
Wenn FLINTA*-Personen systematisch unterbrochen, übertönt oder belehrt werden, hat das eine entmündigende Wirkung. Es untergräbt ihre Kompetenz, erzeugt Frust und kann dazu führen, dass sie sich aus Gesprächen oder Diskussionen zurückziehen.
Unerwünschte Nähe, auch im Rausch:
Unerwünschte Berührungen oder körperliche Nähe – besonders unter Einfluss von Alkohol – sind Grenzverletzungen. Sie können als Übergriff erlebt werden und retraumatisierend wirken, besonders für Menschen mit Gewalterfahrungen.
Ausschluss durch fehlende Barrierefreiheit:
Wenn Räume oder Strukturen bestimmte Menschen systematisch ausschließen – etwa durch fehlende Aufzüge, keine Pausen oder komplexe Sprache – verletzt das das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe.
Antisemitische Kommentare, Codes oder Vergleiche:
Sie bedienen Verschwörungserzählungen oder relativieren die Shoah (Holocaust). Für jüdische Personen sind solche Aussagen oft nicht nur verletzend, sondern auch potenziell gefährlich, da sie reale Bedrohungserfahrungen aktivieren.
Nicht-Beachtung neurodivergenter Bedürfnisse (z. B. Lärm, direkte Sprache, Nähe)
Wenn Menschen mit ADHS, Autismus o. ä. überreizt, bedrängt oder ungewollt in soziale Situationen gedrängt werden, kann das zu Stressreaktionen, Rückzug oder Meltdown führen. Das Gefühl, sich ständig anpassen zu müssen, erzeugt Isolation und Erschöpfung.
Diese Situationen mögen für nicht-betroffene Personen banal erscheinen. Für Betroffene sind sie oft schmerzhafte Wiederholungen systematischer Abwertung, die zu Rückzug, Unsicherheit oder langfristiger Belastung führen.
Nachbereitung (Reflexionsfragen am Ende)
Nach der Veranstaltung:
- Reflektiert gemeinsam (gern mit Anti-Dis-Team):
- Was ist passiert?
- Was war gut, was schwierig?
- Was können wir besser vorbereiten?
- Schreibt bei Bedarf anonymisierte Erfahrungsnotizen (z. B. für Kontinuität bei kommenden Veranstaltungen).
- Schützt eure mentale Gesundheit – Austausch im Team ist wichtig.
Materialien & Ressourcen (empfohlen zum Einlesen)
- Awareness Akademie Leipzig (Online-Workshops, Reader, Praxiswissen)
- Awareness-Kollektiv Berlin (Methoden & Reflexionen)
- „Was tun bei (sexualisierter) Gewalt?“ – Leitfaden von Strukturwandel e. V.
- Genderleicht.de (Gendergerechte Sprache, Medienumgang)
- „Awareness goes Uni“ – Broschüre der LAG Antidiskriminierung Sachsen
- Diskriminierungskritische Beratung – Leitfäden von gladt e. V.
✊ Zum Schluss: Awareness ist politisch
Awareness ist keine Technik. Es ist eine Haltung. Sie wurde von Bewegungen erkämpft, die nie gefragt wurden, ob ihre Sicherheit wichtig ist.
Ihr seid keine Aufsicht. Ihr seid keine Richter*innen. Ihr seid eine solidarische Struktur.
Für viele Menschen ist allein eure Anwesenheit ein Grund, überhaupt teilzunehmen.
Danke, dass ihr euch dafür entschieden habt.
Mini-Manual: 5 Fragen, 5 Prinzipien
💬 Die 5 wichtigsten Fragen an Betroffene
- Was brauchst du jetzt von uns?
- Möchtest du gerade reden oder lieber in Ruhe gelassen werden?
- Wünschst du dir Begleitung, Rückzugsraum oder anderes?
- Sollen wir etwas dokumentieren?
- Darf ich (wenn nötig) eine weitere Person dazuholen?
🧭 Die 5 Awareness-Prinzipien
- Definitionsmacht: Was übergriffig war, bestimmt die betroffene Person.
- Parteilichkeit: Wir stellen uns bewusst auf ihre Seite.
- Konsens: Wir handeln nur mit Zustimmung.
- Vertraulichkeit: Alles bleibt unter uns – außer auf Wunsch.
- Kollektive Verantwortung: Awareness ist keine Einzelaufgabe
Reflexionsfragen für das Awareness-Team (nach der Veranstaltung)
Diese Fragen helfen beim Nachbesprechen im Team oder im Austausch mit der Antidiskriminierungsstruktur:
Selbstreflexion
- Wie hast du dich während deiner Schicht gefühlt?
- Gab es Momente von Unsicherheit, Überforderung oder Wut?
- Was hat dich positiv überrascht?
Fallreflexion (anonymisiert!)
- Welche Situationen sind euch begegnet? Wie habt ihr reagiert?
- Haben Betroffene bekommen, was sie brauchten?
- Hättet ihr euch an einer Stelle mehr Unterstützung gewünscht?
Strukturreflexion
- Waren Rückzugsräume, Awarenessraum & Telefonnummer gut auffindbar?
- Wurde euer Team ausreichend vorbereitet/eingeführt?
- Welche strukturellen Barrieren habt ihr beobachtet?
Wünsche
- Was sollte beim nächsten Mal anders laufen?
- Was braucht ihr vom Orga-Team / Anti-Dis-Team?